Anne


Die kleine Anne sitzt im Krankenhaus-Bett und weint bitterlich. Mit ihren fünf Jahren weiß sie noch nichts von Weltschmerz, und trotzdem hat sie das Gefühl, ihre Welt würde einstürzen. Das wunderschöne Buch, welches sie erst vor zwei Tagen von der Oma geschenkt bekommen hatte,  ist zerstört!

Tapfer hatte sie die Mandel-Operation überstanden, tapfer erträgt sie nun die Halsschmerzen, und sicher hat ihr Oma deswegen das Buch geschenkt. Mit der Geschichte von der alten Frau, die am Rande der Stadt auf einem kleinen Gehöft wohnt und in einer gutmütigen Ziege und einem aufgeweckten Kätzchen zwei treue Freunde hat. Welch tolle bunte Zeichnungen es da zu sehen gab! Und wie spannend die Geschichte war, als Oma sie ihr erstmals vorgelesen hatte! Inzwischen hatten ihre Eltern und auch eine Krankenschwester alles nochmals vorlesen müssen. Und sie stellte sich schon vor, wie hübsch ihr kleines Bücherregal zuhause mit dem neuen Buch ganz vorn aussehen würde, nagelneu und noch ein wenig nach frischer Farbe riechend.

Anne ist zu zweit in einem Zimmer, mit einem siebenjährigen Jungen, der frech und laut und so gar nicht artig ist, wie sie es sich vorstellt. Wenn er Besuch von seinen Eltern bekommt, erzählt er Lügen und gibt sich wehleidig und setzt in vielerlei Hinsicht seinen Willen durch. Anne mag ihn nicht.
Seit zwei Tagen hatte dieser Junge von Anne verlangt - nicht gebeten, nein tatsächlich verlangt -, das Buch anschauen zu können. Aber Anne hatte Angst um ihre neue Errungenschaft. Sie war dieses ungute Gefühl nicht los geworden.

Gestern nun, als Mama und Papa von Anne zu Besuch da waren, hatte sie sich aufgrund der Beschwerde des Jungen einmal mehr anhören müssen, dass Teilen zum Leben dazu gehört und Eigensinn nicht gut sei. Deshalb hatte sie heute nun ihrem Herzen einen Ruck gegeben, auch weil das Gedränge des Jungen kaum noch zu ertragen war, hatte das Buch unter dem Kopfkissen hervorgeholt und ihm gegeben…

Keine halbe Stunde später war eine Seite rausgerissen und eine zweite mit Buntstiften bemalt! Das hatte er absichtlich getan, ganz bestimmt! Er wollte sich an ihr rächen, weil sie bisher so hartnäckig nein gesagt hatte.

Wie sollte sie jetzt noch Freude an der alten Frau, der Ziege und dem Kätzchen haben? Auf ewig würde sie beim Blättern in dem Buch an diesen unglückseligen Tag denken!

Nun ist die Krankenschwester da, und Anne erzählt unter Tränen und heftigen Schluchzern, was geschehen ist. Aber auch die guten, tröstenden Worte und dass sie in die Arme genommen wird, bringt keine Besserung.  Was wird denn Oma sagen, wenn sie später zu Besuch da ist? Sicher wird sie schimpfen und ihr nie wieder ein Buch schenken!

Irgendwann schläft sie ein und träumt von der braunen, gutmütigen Ziege aus dem Buch.
Eine vertraute Stimme und ein Streicheln auf dem Kopf lassen sie wach werden. Ihre Oma ist da! Eine feste Umarmung, ein dicker Kuss… und im nächsten Moment die Erinnerung an das Drama. Aber bevor Anne erzählen kann, holt ihre Oma hinter dem Rücken ein Buch hervor. Eines mit der Geschichte über eine alte Frau, eine Ziege und ein Kätzchen. Genau das gleiche Buch! Nagelneu und heil und wunderschön!

Anne kann es nicht glauben und denkt an Zauberei.

„Nein, nein, keine Zauberei“, sagt Oma. „Die Krankenschwester hat mich angerufen und mir alles erzählt. Da bin ich gleich losgegangen und habe das Buch nochmal gekauft. Zum Glück waren noch zwei davon da.“ Anne strahlt über das ganze Gesicht und drückt, diesmal unter Freudentränen, ihre Oma ganz fest an sich.


„Und es ist in Ordnung, wenn du das Buch niemandem gibst, dem du nicht vertraust, meine Kleine.“ sagt Oma und freut sich, dass nun für Anne die Welt wieder in Ordnung ist.








Save the last dance for me.


Sie liegt wach, obwohl es bereits nach Mitternacht ist. Das passiert ihr oft. In solchen Momenten liest sie in einem Buch, um irgendwann müde genug zum Einschlafen zu sein. Heute Abend hat sie es schon zwei Mal vergeblich versucht. Sie schaltet das Radio auf dem Nachttisch ein und lauscht dem Gesang einer modernen Band.




Gerade denkt sie, dass dieses Lied so gar nicht zu dieser späten Stunde passt, als ein anderes beginnt.

Das Lied, welches noch immer heftige Gefühle in ihr hervorruft, weil es sie an IHN erinnert. An damals, als es im Radio lief und sie meinte, es hätte einen walzer-ähnlichen Rhythmus. Dass sie Walzer mag, diesen „spießigen“ alten Tanz. Spontan hatte er sie in die Arme genommen und mit ihr zu eben diesem Lied Walzer getanzt. Es war einer jener verrückten und innigen Momente gewesen, die sie mit ihm so geliebt hatte.

Sie schaltet die Nachttischlampe an und schaut neben sich, auf den großen Plüschbären, den er ihr vor einigen Jahren geschenkt hatte. Weil er ihren Tick, dass sie niemals einschlafen kann, ohne etwas im Arm zu haben, erst belächelt, dann aber ernst genommen und ihren bisherigen Traumbegleiter, eine Plüschkatze, mit diesem Teddy ersetzt hatte.

Für jene Nächte, in denen er nicht da war und in denen sie es so sehr vermisste, in seinen Armen einzuschlafen. Dass aus manchmal ein generell geworden war, bricht ihr noch immer das Herz.

Jetzt nimmt sie den Bären in die Arme, steht auf und beginnt zu tanzen. Hin und her, im Walzertakt - der ihrer Meinung nach durchaus in diesem Lied steckt.

Als der Song bei der Textzeile „Baby, don’t you know I love you so? Can’t you feel it when we touch?“ angelangt ist, laufen ihr Tränen über die Wangen.

Wie gern würde sie noch einmal so mit ihm tanzen!

Sie dreht sich im Walzertakt im Zimmer, kommt sich dumm und albern vor, tanzt jedoch bis zum Ende des Liedes weiter. Dann schaltet sie Radio und Nachttischlampe aus, legt sich wieder ins Bett, drückt ihr Gesicht in den Teddy und weint sich in den Schlaf.